Peter Sauter, Universität Freiburg/Schweiz
Text zum Referat (mit Powerpoint-Präsentation) vom 1.2.2008, Tyskforum Oslo
Landeskunde und interkulturelles Lernen
1) Landeskunde ist interkulturelles Lernen
2) Landeskunde im heutigen Sprachunterricht allgemein: Was im GER dazu steht
3) Landeskunde der deutschsprachigen Länder und interkulturelles Lernen
a) Deutsch als plurizentrische Sprache
b) Deutsch für verschiedene Handlungsbedürfnisse
c) Deutsch für verschiedene Lernergruppen
4) Beispiel für ein detailliertes Curriculum des interkulturellen Lernens
5) Landeskunde in der Lehreraus- und -weiterbildung
1) Landeskunde ist interkulturelles Lernen
Der Erwerb einer Sprache bringt für die Lernenden unausweichlich Kontakte mit der Kultur, in der sich die Zielsprache ausgeformt hat und verwendet wird – „Sprachenlernen ist Kulturenlernen“, wie es eine prägnante Formulierung auf den Punkt bringt[1]. Da die Lernenden immer schon durch die kulturelle Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, in ihrem Denken und Handeln mitgeformt sind, kann Landeskunde im modernen Fremdsprachenunterricht nichts anderes als Interkulturelles Lernen bedeuten. Dabei geht es um die Begegnung von handelnden Individuen mit Phänomenen einer für sie neuen Kultur oder um Interaktionen zwischen Individuen mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen. Das so genannte Faktenwissen, das bis vor etwa 20 Jahren – und mancherorts bis heute noch – im Fokus des Begriffs und selbst des Unterrichts von Landeskunde stand, wird heutzutage nur noch als (kleiner) Teil von viel weiter gehenden Lernzielen verstanden.
Der Begriff Kultur ist für den interkulturellen Landeskundeunterricht weit zu fassen: er umfasst nicht nur alle Produkte und Tätigkeiten menschlichen Handelns, den gesamten Lebensraum des Menschen, und verweist auf Erfahrungen und Regeln, die menschliches Zusammenleben bestimmen, sondern ermöglicht v. a. im Kulturvergleich, eigen- und fremdkulturelles Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln zu kontrastieren, um von dort aus die Haltung gegenüber Neuem und Fremdem im Interaktionsprozess positiv zu lenken[2].
Durch das Interkulturelle Lernen sollen so die Lernenden die Möglichkeit bekommen, andere Kulturen besser zu verstehen, und gleichzeitig auch erfahren können, wie andere Kulturen ihre eigene verstehen. Das Akzeptieren von Gemeinsamkeiten und Unterschieden verschiedener Kulturen sowie die Fähigkeit, die eigene Kultur mit etwas anderen Augen sehen zu können, führen insgesamt zu einem erweiterten Horizont, das eigentliche Lernziel des prozessorientierten interkulturellen Lernens[3].
2) Landeskunde im heutigen Sprachunterricht allgemein: Was der GER dazu sagt
Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) ist Fremdsprachenlehrkräften vor allem bekannt für seine sprachenübergreifenden Skalen mit Niveauangaben zu rezeptiven, produktiven und interaktiven Fertigkeiten, mit denen das Lernen von Fremdsprachen vergleichbar gemacht wird. Ausgehend vom ganzheitlichen Ansatz der Handlungsorientierung werden die Sprachenlernenden als handelnde Individuen begriffen und das Sprachenlernen als eingebettet in einen spezifischen kulturellen Kontext. In Bezug auf das interkulturelle Lernen bietet der GER eine Beschreibung der soziolinguistischen Kompetenz, eine Skala der soziolinguistischen Angemessenheit sowie eine Liste von Bereichen soziokulturellen Wissens[4]. Im Weitern stehen im GER beschreibende Texte zur Mehrsprachigkeit, zu Kompetenzen und Fertigkeiten des Individuums (die für Einzelsprachen interpretiert werden müssen), sowie zu kulturspezifischen und interkulturellen Kompetenzen des handelnden Individuums. Alle diese Elemente beziehen sich auf Landeskunde allgemein und können für die einzelsprachliche Landeskunde als Grundlage verwendet werden. Die sprachrelevanten Kompetenzen des handelnden Individuums sind in vier Bereiche unterteilt: deklaratives Wissen (savoir), Fertigkeiten und prozedurales Wissen (savoir faire), persönlichkeitsbezogene Kompetenzen (savoir être), und Lernfähigkeit (savoir apprendre). Alle vier Bereiche zusammen ergeben die volle Sprachhandlungskompetenz des Individuums (… savoir vivre!).
Das deklarative Wissen ist zusammengesetzt aus drei Wissenstypen, die alle landeskunderelevant sind: Weltwissen, soziokulturelles Wissen und interkulturelles Bewusstsein.
Weltwissen im interkulturellen Unterricht bezeichnet neues Faktenwissen in Bezug auf die Zielsprachengemeinschaft, dessen Erlernen eine Relativierung der eigenen Welt und des eigenen Wissens zur Folge hat.
Soziokulturelles Wissen bezieht sich z.B. auf das Alltagsleben, auf soziale Beziehungen und Konventionen, auf Werte, Überzeugungen und Einstellungen, auf Körpersprache. Gerade dieser Wissensbereich ist oft durch Stereotype verzerrt, die im Unterricht mit den neuen Wahrnehmungen konfrontiert und in Frage gestellt werden sollen.
Das interkulturelle Bewusstsein interessiert sich für die Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen: die "Welt des Herkunftslandes" im Vergleich mit der "Welt der Zielsprachengemeinschaft", aber auch die regionale und soziale Verschiedenheit innerhalb dieser verschiedenen „Welten“. Das angestrebte Ziel der Erhöhung interkulturellen Bewusstseins ist eine Horizonterweiterung des Lernenden durch den kompetenten Umgang mit Kulturenvielfalt.
Die Fertigkeiten und das prozedurale Wissen sind unterteilt in die praktischen und die interkulturellen Fertigkeiten. Die praktischen Fertigkeiten beziehen sich auf soziale Konventionen und Routinen, Alltagsleben, Beruf, Freizeit. Die interkulturellen Fertigkeiten ermöglichen dem Lernenden, Ausgangskultur und fremde Kultur miteinander in Beziehung zu setzen, kulturelle Sensibilität(en) zu verwenden, Strategien für den Kontakt mit Angehörigen anderer Kulturen anzuwenden, als kultureller Mittler zu agieren, mit Missverständnissen und Konfliktsituationen umzugehen, und stereotype Beziehungen zu überwinden.
Die persönlichkeitsbezogenen Kompetenzen setzen sich zusammen aus den Persönlichkeitsfaktoren, Motivationen, kognitiven Stilen und – für das interkulturelle Lernen besonders wichtig – aus Einstellungen, Wertvorstellungen, Überzeugungen. Die Entwicklung einer interkulturellen Persönlichkeit ist ein wichtiges Bildungsziel, wirft aber auch ethische und pädagogische Fragen auf.
Die Lernfähigkeit schliesslich[5] ist unterteilt in Kommunikationsbewusstsein, phonetisches Bewusstsein, Lerngewohnheiten und -techniken sowie die heuristischen Fertigkeiten. Letztere interessieren für das interkulturelle Lernen besonders, betreffen sie doch die Frage, wie die Lernenden mit neuen Erfahrungen, Sprachen, Menschen, Verhaltensweisen umgehen, wie sie neue Informationen finden, verstehen und weitergeben, und wie sie in neuen Lernsituationen durch Beobachten und Erfassen der Bedeutung des Beobachteten, durch Analysieren und Schlüsse ziehen usw., andere Kompetenzen einsetzen lernen.
Der GER beschreibt auch den Zusammenhang von mehrsprachiger und plurikultureller Kompetenz und zählt deren Ziele auf[6]. Für die mehrsprachige Kompetenz nennt er die Nutzung und Weiterentwicklung der Kompetenzen und Strategien, die Entwicklung des Sprachbewusstseins und der interkulturellen Bewusstheit, sowie die Fähigkeit zum Erwerb weiterer Sprachen. Die Ziele der plurikulturellen Kompetenz sind Offenheit gegenüber neuen kulturellen Erfahrungen und die Entwicklung einer reicheren, komplexeren Persönlichkeit.
3) Landeskunde der deutschsprachigen Länder und interkulturelles Lernen
Was ist nun über die sprachenübergreifenden Aussagen des GER hinaus für die Landeskunde der deutschsprachigen Länder und das interkulturelle Lernen im DaF-Unterricht wichtig? Drei Aspekte stehen im Fokus der aktuellen Diskussionen.
a) Deutsch als plurizentrische Sprache
1990 veröffentlichte eine DaF-Arbeitsgruppe mit Mitgliedern aus Österreich (A), der BRD (B), der Schweiz (C) und der DDR (D) die 22 ABCD-Thesen. Darin wurden Aussagen zur Rolle der Landeskunde im Deutschunterricht gemacht, zu ihrer methodischen Realisierung sowie zur Kooperation zwischen den Fachleuten der deutschsprachigen Länder. Eine grosse Bedeutung für unser Thema hat z.B. These 4:
Primäre Aufgabe der Landeskunde ist nicht die Information, sondern Sensibilisierung sowie die Entwicklung von Fähigkeiten, Strategien und Fertigkeiten im Umgang mit fremden Kulturen. (...)[7]
Nachdem die DDR als politische Struktur aufgelöst und ihr Gebiet in die BRD integriert worden war, wurden diese Thesen neu formuliert, in fünf Prinzipien zusammengefasst und 1997 als DACH-Konzept publiziert[8]. Das erste Prinzip äussert sich zur "Differenzierenden Landeskunde" der Regionen im deutschsprachigen Raum (Binnenkontrastivität), die weiteren fordern prozessorientierte Projektarbeit zu exemplarischen, vergleichenden bzw. kontrastiven Themen, die Autonomieförderung durch kreatives Arbeiten, das lerner-, handlungs-, themen- und produktorientiert ist, eine veränderte Didaktik auch für die Landeskunde (Lehrerrolle, Arbeits- und Evaluationsformen), sowie die Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven (historisch, geografisch, strukturell).
Das gestiegene Bewusstsein der Binnenkontrastivität der deutschsprachigen Länder und Regionen führte 2004 zum „Variantenwörterbuch des Deutschen“, in dem die Plurizentrik so umschrieben wird:
„Von einer plurizentrischen Sprache spricht man dann, wenn diese in mehr als einem Land als nationale oder regionale Amtssprache in Gebrauch ist und wenn sich dadurch standard-sprachliche Unterschiede herausgebildet haben.“[9]
Eine Beschreibung der didaktischen Konsequenzen auf den DaF-Unterricht findet sich in der neusten Nummer von Fremdsprache Deutsch[10]. Darin werden von der DaF-Lehrperson lediglich etwas Basiswissen zum Thema verlangt, die Kenntnis der Terminologie sowie ein paar einschlägige Beispiele. Die Unterrichtsprinzipien für plurizentrische Belange fordern ein rezeptionsorientiertes, exemplarisches, lernerorientiertes sowie prozessorientiertes Vorgehen.
b) Deutsch für verschiedene Handlungsbedürfnisse
Die Publikation Profile Deutsch[11] basiert auf den Vorgaben des GER und enthält Lernzielbestimmungen, Kannbeschreibungen und kommunikative Mittel für alle 6 Lernniveaus der deutschen Sprache. Das Buch enthält auch eine CD-Rom zur elektronischen Anpassung an die jeweiligen Bedürfnisse der Lernenden. Es ist für Lehrkräfte nutzbar für die ganze Bandbreite von Zielsetzungen bei der Planung und Bereitstellung von Sprachlernmöglichkeiten (multifunktional), adaptierbar für die Benutzung unter unterschiedlichen Bedingungen (flexibel), geeignet für Erweiterungen und Verfeinerungen des Systems (offen), sowie dynamisch durch die kontinuierliche Weiterentwicklung als Reaktion auf Erfahrungen aus seiner Verwendung.
Wie der GER geht auch Profile Deutsch vom handlungsorientierten Ansatz aus, d.h. sein Grundsatz lautet: Wer Sprachen lernt und verwendet, muss kommunikative Aufgaben in einem realen Kontext bewältigen. Eine konkrete Kommunikationssituation verläuft mit beteiligten Personen (z.B. Chef), in konkreten Handlungsfeldern (z.B. Anruf), in bestimmten Lebensbereichen (z.B. Beruf), unter gegebenen Umständen (z.B. Lärm) und in spezifischen Umgebungen (z.B. Bern).
Die Handlungsbedürfnisse des realen Kontexts beeinflussen den Fremdsprachenunterricht. Für die Erstellung von Landeskundeaufgaben werden (im Idealfall) zuerst Gruppenprofile erstellt, die auf den spezifischen Bedürfnissen der Lernergruppe beruhen. Dazu müssen die Handlungsbedürfnisse der Gruppe analysiert werden, indem man ein Eingangsprofil erstellt, Ziele mit Szenarien entwirft und Kannbeschreibungen zusammenstellt oder formuliert. Dann wird das Unterrichtsprofil für die Gruppe erstellt, d.h. Material für den Unterricht auswählen, ergänzen und anpassen. Die handlungsorientierten Aufgabenstellungen werden in den Unterricht integriert, die Handlungen eingeübt und evaluiert. Zur Evaluierung wird auf der Basis des Gruppenprofils ein Testprofil mit transparenten Bewertungskriterien erstellt. Da wir in einer sich verändernden Welt leben, verändern sich auch die Bedürfnisse laufend, sodass die Profile jeweils angepasst werden müssen.
Wenn guter Unterricht diese Bedingungen berücksichtigt, so soll er den Lernenden die Möglichkeit geben, auf einem bestimmten Niveau erwartbares Können zu lernen; er soll den Lernenden Aufgaben geben, um in bestimmten Situationen Lösungen zu suchen und Lösungswege zu reflektieren, wie auch Aufgaben, die an ihre Bedürfnisse und die Zielkultur adaptiert sind; und er soll die Lernenden anregen, zielkulturspezifisch neue Aufgaben oder Möglichkeiten zu suchen und zu formulieren. Die Aufgaben für die Lernenden sollen drei Tätigkeitstypen enthalten: erfahren und erleben, Können erproben und Wissen einsetzen, reflektieren und analysieren. Die eigene Kultur zu reflektieren ist der Ausgangspunkt landeskundlichen Lernens.
c) Deutsch für verschiedene Lernergruppen
Aus verkaufstechnischen Gründen wollen Lehrwerke ein relativ breites Lernerpublikum ansprechen. Sie sollten sich aber mindestens nach dem aktuellen Stand der Sprachlernforschung richten, auch und gerade was die Aspekte des interkulturellen Lernens betrifft. So erscheinen seit den 90er Jahren DaF-Lehrwerke, die nicht nur dem handlungsorientierten Ansatz folgen, sondern auch die plurizentrischen Anliegen berücksichtigen und darüber hinaus ein zeitgemässes Landeskundekonzept umsetzen.
Im Lehrerhandbuch zu einem solchen Lehrwerk für Jugendliche und Erwachsene beschreiben die Autoren die Aufgabe des interkulturellen Lernens als Entdecken und Reflektieren der eigenen Brille[12] (s. Abbildung) und fordern die Lehrpersonen auf zuzulassen, dass Lernende unterschiedlich handeln und unterschiedlich auf Neues und Eigenes reagieren. Damit kann Landeskundeunterricht ein gemeinsamer Prozess zwischen Lehrpersonen und Lernenden werden, ein gemeinsames Lernen, Entdecken, Nachdenken, Staunen, Erfahren, kritisch sein.

Ziel des Landeskundeunterrichts: Entdecken und Reflektieren der eigenen Brille
Auch im Folgelehrwerk setzen dieselben Autoren ihr Konzept um, was z.B. in einem Kapitel über das Entdecken einer Stadt sehr schön verfolgt werden kann[13]. Anhand kommunikativer Aufgaben in allen Fertigkeiten werden die Lerner dazu angeleitet, unterschiedliche Aspekte einer Stadt kennenzulernen, sich bewusster mit Orten als Lebensräumen zu beschäftigen, eigene und fremde Städte zu erkunden und dabei mit allen Sinnen auf Entdeckungsreise zu gehen. Dabei wird Wert darauf gelegt, dass die Lerner wiederholt eigene Erfahrungen einbringen und vergleichen, aber auch dass sie entsprechend ihren individuellen Interessen selbstständig weitere Informationen sammeln und austauschen.
4) Beispiel für ein detailliertes Curriculum des interkulturellen Lernens
Eine konkrete Anwendung der unter Punkt 3) beschriebenen drei Aspekte wird nun im soeben erschienenen Rahmencurriculum für Integrationskurse Deutsch als Zweitsprache[14] geleistet, denn dieses ist – mit allen Regeln der Kunst – fokussiert auf Deutsch für eine spezifische Lernergruppe (Migranten in D), für spezifische Handlungsbedürfnisse (Integration in D), in einer spezifischen Varietät (Deutsch in D).
Die Handlungsfelder werden in übergreifende und konkrete unterteilt; übergreifende Handlungsfelder sind der „Umgang mit der Migrationssituation“, die „Realisierung von Gefühlen, Haltungen und Meinungen“, der „Umgang mit Dissens und Konflikten“, die „Gestaltung sozialer Kontakte“ und der „Umgang mit dem eigenen Sprachenlernen“; konkrete Handlungsfelder sind z.B. „Ämter und Behörden“, „Arbeitssuche“, „Betreuung und Ausbildung der Kinder“, „Gesundheit“, „Wohnen“, u. a. m.
Für jedes dieser Handlungsfelder sind Kann-Beschreibungen formuliert und entweder dem Fokus Landeskunde oder dem Fokus Interkulturalität zugeteilt worden. So heisst es z.B. für das Handlungsfeld Wohnen (unter vielen anderen):
Fokus Landeskunde
• Kennt die Merkmale und Bestandteile der Miete (z.B. Nettomiete, Bruttomiete, Nebenkosten).
• Kennt die Regelungen zu Abfallentsorgung und Mülltrennung.
• …
Fokus Interkulturalität
• Ist sensibilisiert für die mögliche Rolle von Vorurteilen und Heterostereotypen bei der Wohnungssuche und kann ggf. darauf reagieren.
• …
Die von den Migranten zu erlernende sprachliche Kompetenz steht dabei in wechselseitiger Beziehung mit dem landeskundlichen Wissen, der interkulturellen Kompetenz und der strategischen Kompetenz. Notwendiges landeskundliches Wissen für Migranten beispielsweise ist Faktenwissen in Bezug auf Vorgänge, Abläufe, Regelungen, Strukturen und Anlaufstellen in der aufnehmenden Gesellschaft. Mit interkultureller Kompetenz ist gemeint: Sensibilisierung für Konzepte und Wertvorstellungen, die kulturell unterschiedlich besetzt sind, Kenntnis von unterschiedlicher kultureller Markierung, sowie Reflexion bzw. Wahrnehmung von interkulturellen Unterschieden. Zur strategischen Kompetenz schliesslich zählen der Umgang mit Wissensdefiziten oder Kompetenzlücken sowie der Einsatz von Lerntechniken.
5) Landeskunde in der Lehreraus- und -weiterbildung
Um die Aufgabe für uns Unterrichtende nochmals zusammenzufassen, werfen wir einen Blick ins kürzlich erschienene European Portfolio for Student Teachers of Languages (EPOSTL)[15], ein Portfolio für die Sprachlehrerausbildung. Darin kommt Landeskunde (engl.: culture) an zwei Orten vor, in der Methodologie sowie in der Evaluation.
Für die Methodologie des interkulturellen Unterrichts werden acht Aspekte aufgeführt:
1- Interesse wecken, Wissen und Verstehen entwickeln
2- Gelegenheiten zu erforschen schaffen (Internet, E-Mails, etc.)
3- Ähnlichkeiten und Unterschiede in soziokulturellen „Verhaltensnormen“ bewusst machen
4- Soziokulturelle Kompetenz entwickeln
5- Andersheit reflektieren, Wertsysteme verstehen
6- Stereotype Ansichten bewusst machen und in Frage stellen
7- Interkulturelles Bewusstsein verbessern
8- Zusammenhang zwischen Kultur und Sprache bewusst machen
Für die Evaluierung des interkulturellen Lernens sind drei Zielbereiche erwähnt: das Wissen über kulturelle Fakten, die Fähigkeit, Kulturen zu vergleichen, und die Fähigkeit, angemessen zu handeln.
Im Europäischen Sprachenportfolio für den Hochschulbereich des European Language Council[16] gibt es folgendes Blatt zur Selbstevaluation Ihrer interkulturellen Kompetenzen:

Sind Sie fit? Interkulturell kompetent? Dann bleibt Ihnen nur noch die Umsetzung dieser Überlegungen in Ihre Unterrichtspraxis. Mit der grossen Materialauswahl, die ich Ihnen nach Norwegen mitgebracht habe, sollte Schweizer Landeskunde und Interkulturelles Lernen nun ein Kinderspiel sein… viel Spass beim gemeinsamen Lernen mit Ihren Deutsch-Lernenden!
[1] Krumm, Hans-Jürgen: Landeskunde Deutschland, D-A-CH oder Europa? Über den Umgang mit Verschiedenheit im DaF-Unterricht. In: Info DaF. Heft 5 (1998). S. 524.
[2] Wolf, Gordian: Vergleichende Kultur- und Mentalitätsforschung. In: Helbig u.a. (Hg.) (2001). Deutsch als Fremdsprache. Ein internationales Handbuch. 2 Bde. Berlin: de Gruyter. Bd. 2. 1179-1193.
[3] Roche, Jörg: Interkulturelle Sprachdidaktik. Eine Einführung. Tübingen, 2001.
[4] Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Berlin: Langenscheidt 2001. S. 118ff.
[5] In diesem Text wird das Anliegen der Plurizentrik (s. 3a) auch in der Schreibweise umgesetzt, d.h. „ß“ wird gemäss Schweizer Orthographieregelung als „ss“ geschrieben.
[6] GER, S.163ff.
[7] Die ABCD-Thesen. ÖDaF-Mitteilungen, 2/1990, S. 26-29. Auch in: Deutsch als Fremdsprache 24 (1990), Heft 5. S. 306-308. Download: www.dachl.net/nachlesen/abcdthesen1.html
[8] Hackl, Wolfgang u.a.: Integrierende Landeskunde - ein (gar nicht so) neuer Begriff. In: Theorie und Praxis. Österreichische Beiträge zu Deutsch als Fremdsprache. Serie A/Jahrbuch 1/1997. S. 17-34. Download: www.dachl.net/nachlesen/dachkonzept.html
[9] Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Lichtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin: de Gruyter 2004. S. XXXI.
[10] Hägi, Sara: „Bitte mit Sahne/Rahm/Schlag: Plurizentrik im Deutschunterricht. In: Fremdsprache Deutsch. Plurizentrik im Deutschunterricht. Heft 37, 2007. S. 5-13.
[11] Profile Deutsch. Berlin: Langenscheidt 2005. Die folgenden Ausführungen basieren auf den S.60ff.
[12] Moment mal! Band 3. Lehrerhandbuch. Berlin: Langenscheidt 1999. S.28-33.
[13] Optimal A2. Lehrbuch. Berlin: Langenscheidt 2004. S.6-8. Dazu: Lehrerhandbuch S.18f.
[14] Rahmencurriculum für Integrationskurse Deutsch als Zweitsprache. München: Goethe-Institut 2007. Download auf: http://dvv.vhs-bildungsnetz.de/servlet/is/41919
[15] European Portfolio for Student Teachers of Languages. Council of Europe, ECML/CELV Graz 2007. (S. 29, 56; Übersetzungen P.S.) Download: www.ecml.at/mtp2/fte/pdf/C3_Epostl_E.pdf
[16] Europäisches Sprachenportfolio für den Hochschulbereich. Conseil Européen des Langues / European Language Council. 2002. Download: http://web.fu-berlin.de/elc/portfolio